KW 13 · 2026
Psychische Gesundheit bei Jugendlichen
24. März 2026
Guten Morgen ✨
mir fällt auf, dass ich in Gesprächen mit Kolleg*innen selten nach dem Schlaf frage. Nach der Stimmung, nach Konflikten, nach dem Umfeld, klar. Aber wie jemand schläft? Kaum. Dabei wäre genau das manchmal der kürzeste Weg zu dem, was wirklich los ist. In dieser Ausgabe bin ich auf ein paar Zusammenhänge gestoßen, die mich überrascht haben.
Studien der Woche
Einsamkeit bei Jugendlichen: Fast jeder Dritte betroffen
Fast jeder dritte Jugendliche in Deutschland fühlt sich einsam. In einer Befragung von über 23.000 Schülerinnen und Schülern zwischen 9 und 17 Jahren berichteten 31,5 Prozent von Einsamkeit. Bei Mädchen lag der Wert bei 39 Prozent, bei Jungen bei 24 Prozent.
Einsamkeit zeigte sich nicht erst in der Pubertät. Sie war über alle Altersgruppen von 9 bis 17 Jahren gleich verbreitet. Von den Jugendlichen mit niedrigem Sozialstatus berichteten 48 Prozent von Einsamkeit, bei hohem Status waren es 30 Prozent.
Einsame Jugendliche griffen häufiger zu Nikotin. Die Wahrscheinlichkeit für Zigarettenkonsum war um 70 Prozent erhöht, für E-Zigaretten um 59 Prozent. In der frühen Adoleszenz zwischen 11 und 14 Jahren stieg das Risiko für Wasserpfeifenkonsum sogar um 90 Prozent. Zwei Mechanismen erklären diesen Zusammenhang. Nikotin wirkt kurzfristig stresslindernd, und der gemeinsame Konsum funktioniert als Eintrittskarte in soziale Gruppen. Wer dazugehören will, raucht mit.
Einsamkeit beginnt früh, trifft Mädchen und sozial benachteiligte Jugendliche härter und öffnet die Tür zu riskantem Konsumverhalten.
Wenn Jugendliche mit Nikotinkonsum auffallen, lohnt sich ein Blick auf das soziale Umfeld. "Mit wem rauchst du?" kann mehr über Einsamkeit verraten als jede direkte Frage danach. Gruppenangebote, die echte Zugehörigkeit schaffen, setzen am Kern des Problems an.
Schlafprobleme als früher Indikator
Mehr als ein Drittel der Kinder und Jugendlichen leidet mindestens einmal pro Woche unter Schlafproblemen. Mädchen und Heranwachsende aus einkommensschwächeren Familien trifft das spürbar häufiger. Parallel dazu berichten 55 Prozent aller Befragten von wöchentlicher Erschöpfung. Bei Mädchen liegt dieser Wert bei 62 Prozent, bei Jungen bei 48 Prozent.
Schlaf und Erschöpfung hängen eng mit emotionalen Problemen zusammen. Jedes fünfte Mädchen zeigte im Schuljahr 2023/2024 emotionale Auffälligkeiten, bei Jungen war es nur jeder Zwanzigste. Der Mechanismus dahinter ist bidirektional. Schlechter Schlaf verstärkt emotionale Dysregulation, und emotionale Belastung wiederum verschlechtert die Schlafqualität. Für benachteiligte Jugendliche kommt hinzu, dass Schlafbedingungen zu Hause oft schlechter sind: laute Umgebungen, beengte Wohnverhältnisse, fehlende Rückzugsmöglichkeiten.
Für Fachkräfte sind Schlafprobleme oft ein früher Indikator für tieferliegende Belastungen.
Frag direkt nach: "Wie schläfst du gerade?" das geht schneller als ein langer Gesprächseinstieg. Wenn jemand regelmäßig über Müdigkeit klagt, lohnt sich ein kurzes Strukturgespräch über den Abend. Wie sind Bildschirmzeit, Zubettgehzeit und Ruhemöglichkeiten daheim. Konkrete Beobachtungen aus dem Alltag helfen bei der Weitervermittlung mehr als unspezifische Erschöpfungsberichte.
Fachbereich
Gateway Adults: Der unterschätzte Schutzfaktor
Von 23.927 Jugendlichen in England suchten 27 Prozent im letzten Jahr Unterstützung für ihre psychische Gesundheit. 56,7 Prozent davon nutzten mehrere Quellen gleichzeitig. Eltern, Bezugspersonen und Freunde waren die häufigste Anlaufstelle, 23,1 Prozent aller Befragten griffen auf informelle Unterstützung zurück. Semi-formelle Angebote wie Schule, Jugendzentren und Beratungsstellen erreichten 9,7 Prozent. Gesundheits- und Sozialangebote wie Kinder- und Jugendpsychiatrie, Hausarzt oder Therapeuten kamen nur auf 6,8 Prozent, und diese wurden am seltensten als hilfreich bewertet.
Erwachsene in Schulen, Jugendzentren und in der Gemeinwesenarbeit sind für viele Jugendliche zugänglicher als eine Fachambulanz mit drei Monaten Wartezeit.
Jugendliche ohne hilfreiche Unterstützung durch Eltern und Jugendliche mit nicht-binärer Geschlechtsidentität rutschten in der Studie besonders häufig durch die Raster. Gender-diverse Jugendliche suchten mit 41,2 Prozent am häufigsten Hilfe, fanden die Kinder- und Jugendpsychiatrie und Hotlines aber am wenigsten hilfreich. Wer zu Hause keine Unterstützung bekommt, findet oft auch anderswo wenig, das greift.
Positioniere dich im Alltag als erreichbare Person. Regelmäßige, niedrigschwellige Präsenz in der Einrichtung schafft mehr Zugang als offizielle Beratungstermine. Wenn Jugendliche merken, dass sie einfach kommen können, kommen sie auch.
Quelle: White, Soneson, Fazel & OxWell Study Team (2024) · Psychological Medicine
Methode der Woche
Kognitive Defusion (ACT)
Die Technik stammt aus der Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT), entwickelt von Steven C. Hayes in den 1980er Jahren. Im Kern geht es nicht darum, negative Gedanken loszuwerden. Sondern darum, ihnen weniger Macht zu geben. Wer Abstand zu einem Gedanken gewinnt, kann trotzdem handeln, auch wenn der Gedanke noch da ist.
Wann einsetzen:
• Bei negativen Selbstbewertungen und gedanklichem Feststecken ("Ich kann das nicht", "Alle finden mich komisch")
• Wenn Grübelschleifen den Alltag blockieren, ob Schule, Freundschaften oder Freizeit
• Nach belastenden Übergängen wie Trennung, Mobbing oder Schulwechsel
Sechs Übungen für die Praxis
Ich empfehle, mit Übung 6 einzusteigen. Die Gelben Brillen machen das Prinzip sofort erlebbar, ohne dass Jugendliche eigene belastende Gedanken offenlegen müssen. Danach vertiefen die Einzelübungen das Konzept.
1. "Ich habe gerade den Gedanken, dass..." (5 Min., ab 1 Person) — Aus "Ich bin dumm" wird "Ich habe gerade den Gedanken, dass ich dumm bin." Eine kleine sprachliche Verschiebung, die sofort Abstand schafft.
2. Gedanken singen (5 Min., ab 1 Person) — Den belastenden Gedanken auf die Melodie von "Happy Birthday" singen. Klingt albern. Genau das ist der Punkt.
3. Papierschiffchen (10 Min.) — Jeden belastenden Gedanken auf einen Zettel schreiben, ein Schiffchen falten und ins Wasser legen. Eine Schüssel reicht.
4. Der nervige Mitbewohner (5 Min., ab 1 Person) — Den inneren Kritiker als Person vorstellen, ihm einen Namen geben. Wenn der Gedanke "Du schaffst das nie" auftaucht, kann man sagen: "Ah, das ist wieder Klaus."
5. Hands-as-Thoughts (5 Min., ab 1 Person) — Hände vor die Augen halten, dann langsam wegbewegen. Der Gedanke ist noch da, aber man kann wieder drumherum schauen.
6. Gelbe Brillen (10 Min., 4-20 Personen) — Gelbe Schutzbrillen verteilen und aufsetzen lassen, dann fragen: "Welche Farbe hat die Wand?" Von der verfälschten Wahrnehmung überleiten zu "psychologischen Brillen": unsichtbare Brillen aus Erfahrungen und Überzeugungen, die beeinflussen, wie wir die Welt sehen.
Grenzen
Kognitive Defusion ersetzt keine Therapie bei akuten Krisen, Suizidalität oder schweren psychischen Störungen. Bei traumatisierten Jugendlichen nur mit therapeutischer Begleitung einsetzen.
Mehr Infos und druckfertig für dein Team:
Methoden-Karte (PDF) · Arbeitsblatt (PDF)
Zwei kleine Fakten
Was ist los bei Jugendlichen?
Auf TikTok geht gerade eine Choreo zu "Call Back" von Don Toliver viral. Die Moves stammen von Creatorin @maistar4 und sind auf gefühlt jeder For-You-Page gelandet. Smooth, leicht nachzumachen und überall zu sehen. Wer in der Einrichtung gerade rhythmisches Armgewedel beobachtet: Das ist der Grund.
@maistar4 auf TikTokHappy Fakt
Ein Australier hat 60 Jahre lang jede Woche Blut gespendet, über 1.100 Mal insgesamt. Seine Blutgruppe enthielt einen seltenen Antikörper, der für ein Medikament gegen Rhesus-Unverträglichkeit bei Schwangeren gebraucht wird. Das australische Rote Kreuz schätzt, dass seine Spenden über 2,4 Millionen Babys das Leben gerettet haben. Mit 81 ging er in Spende-Rente.
BBC News · James HarrisonIch werde jetzt öfter nach dem Schlaf fragen. Weil mir klar geworden ist, wie viel sich hinter einer einfachen Antwort verbergen kann.
Nächste Woche geht es um Krisengespräche und Deeskalation. Was tun, wenn die Krise schon da ist und die richtigen Worte fehlen.
Bis nächste Woche,
Mario