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FachPuls KW 12 · 2026 Sekundäre Traumatisierung und Compassion Fatigue 17. März 2026

Guten Morgen 🌱,

mitfühlen, zuhören und aushalten kostet Kraft, auch wenn das im Arbeitsalltag selten so benannt wird. In dieser Ausgabe schauen wir genauer hin, was passiert, wenn diese Kraft häufig in belastenden Situationen beansprucht wird und wann aus normaler Erschöpfung etwas wird, das Aufmerksamkeit verdient.

Compassion Fatigue: Wenn Empathie erschöpft

Wu & Lu (2025) · Frontiers in Psychology

Compassion Fatigue bezeichnet einen Zustand emotionaler Erschöpfung, der speziell durch die anhaltende Arbeit mit traumatisierten oder leidenden Menschen entsteht. Anders als Burnout, das sich aus struktureller Überlastung entwickelt, wurzelt CF im empathischen Engagement selbst. Wer dauerhaft das Leid anderer aufnimmt und begleitet, riskiert, dass genau diese Fähigkeit zur Empathie mit der Zeit erschöpft, mit direkten Folgen für die eigene Gesundheit und die Qualität der Arbeit.

Eine Scoping-Review aus dem Jahr 2025, die 29 Studien mit Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern auswertet, macht das mit Zahlen greifbar. Eine der im Review ausgewerteten Studien mit Fachkräften im Kinderschutz fand, dass rund die Hälfte hohe oder sehr hohe CF-Werte aufwies, während das Risiko für klassischen Burnout deutlich niedriger lag. Nicht Empathie an sich ist das Problem, sondern die Form, in der sie gelebt wird. Wer das Leid eines Menschen mit "Empathic Concern" begleitet, also einfühlend versteht, ohne die eigene Stabilität zu verlieren, bleibt geschützt. Wer es hingegen als "Personal Distress" erlebt, bei dem die professionelle Distanz schwindet und das fremde Leid zum eigenen wird, zeigt sowohl mehr Compassion Fatigue als auch weniger Arbeitszufriedenheit. Besonders folgenreich ist ein Befund von Denne et al. (2019). CF verändert, wie Fachkräfte Fälle von Kindeswohlgefährdung einschätzen und welche Sorgerechtsentscheidungen sie empfehlen.

Was bedeutet das für die Praxis?

Mach es dir zur Gewohnheit, am Ende eines Arbeitstages konkret zu benennen, was heute gut lief, auch wenn es eine Kleinigkeit war, denn wer Compassion Satisfaction aktiv wahrnimmt, stärkt genau die Ressource, die CF aufbraucht. Feier zusammen mit deinem Team wöchentliche Highlights, besprich mit deinen Kolleg*innen Dinge, die gut gelaufen sind nach einem Arbeitstag.

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Quelle: pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39931289

Secondary Traumatic Stress in der Jugendhilfe

Milne et al. (2024) · Frontiers in Child and Adolescent Psychiatry

Wer täglich mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen arbeitet, ist einem spezifischen Berufsrisiko ausgesetzt: Secondary Traumatic Stress, kurz STS. Der Begriff beschreibt arbeitsbedingte Belastungsreaktionen infolge wiederholter indirekter Traumaexposition und ist damit eine der zentralen Komponenten dessen, was in Studie 1 als Compassion Fatigue vorgestellt wurde. Die Symptome reichen von emotionaler Taubheit und innerer Unruhe bis hin zu Alpträumen.

Milne et al. (2024) befragten 226 Fachkräfte aus der stationären Jugendhilfe in Kanada zu ihrer Kindheitsgeschichte, ihrer Resilienz und ihrem beruflichen Wohlbefinden. Fachkräfte in der Jugendhilfe berichten häufiger von belastenden Kindheitserlebnissen als Vergleichsgruppen aus der Bevölkerung. Besonders auffällig ist der Anteil derer, die vier oder mehr solcher Erlebnisse angaben, also Misshandlung, Vernachlässigung, häusliche Gewalt oder ein Elternteil mit psychischer Erkrankung. Ab diesem Schwellenwert zeigen Studien einen deutlichen Anstieg gesundheitlicher und sozialer Folgeprobleme. Zum Vergleich: In großen Bevölkerungsstudien aus Nordamerika und Europa liegt dieser Anteil bei etwa 12 bis 16 Prozent der Erwachsenen. Bei den befragten Jugendhilfe-Fachkräften waren es rund 26 Prozent.

Je besser Fachkräfte auf soziale, kollegiale und institutionelle Ressourcen zugreifen konnten, desto geringer war der Einfluss ihrer persönlichen Belastungsgeschichte auf ihr berufliches Wohlbefinden.

Was bedeutet das für die Praxis?

Sekundäre Traumatisierung entsteht durch stille Anhäufung über Monate. Typische Frühwarnzeichen sind ein zunehmend flaches Mitgefühl für Klientinnen und Klienten, ein Gefühl innerer Taubheit nach Gesprächen oder anhaltende Gedanken an bestimmte Fälle, die dich auch zu Hause nicht loslassen.

Ein wirksamer Schutz ist das strukturierte Abschlussritual nach intensiven Fällen. Halte in zwei bis drei Sätzen schriftlich fest, was dich beschäftigt, und schließe das Dokument dann bewusst. Oder schreib es auf einen Zettel und lege es in eine kleine Kiste auf der Arbeit. Das kann helfen Distanz zu schaffen.

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Quelle: Milne et al. (2024) · Frontiers in Child and Adolescent Psychiatry

Die STOP-Technik

Sie stammt aus der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT) nach Marsha Linehan und wird inzwischen breit in Pflegeberufen und der Sozialer Arbeit eingesetzt. Die STOP-Technik unterbricht den Autopilot-Modus und schafft einen kurzen Moment bewusster Steuerung. Sie lässt sich zwischen zwei Terminen, nach einem belastenden Elterngespräch oder nach einem langen Arbeitstag anwenden. Es dauert weniger als zwei Minuten und braucht kein Material.

So geht's

1. S wie Stop. Unterbrich, was du gerade tust. Nicht weitertippen, nicht weiterlaufen. Kurz pausieren.

2. T wie Take a breath. Einen bewussten Atemzug nehmen, etwa vier Sekunden einatmen, sechs Sekunden ausatmen. Langsames Ausatmen aktiviert das parasympathische Nervensystem, also den Teil des autonomen Nervensystems, der für Erholung zuständig ist.

3. O wie Observe. Wahrnehmen, was gerade los ist, ohne es zu bewerten. Welche Gedanken sind da? Was spürt der Körper? Was fühle ich?

4. P wie Proceed mindfully. Erst jetzt weitergehen, mit einer bewussten Entscheidung statt aus Gewohnheit.

Schaffe dir eine kleine Erinnerung. Entweder durch dein Handy, durch einen Punkt, den du auf deinen Bildschirm klebst oder hänge die Methode in der Türinnenseite, neben dem Ausgang auf, damit du kurz daran erinnert wirst, bevor du rausgehst. Es gibt viele Möglichkeiten, du findest bestimmt eine, die für dich gut passt.

Wer wissen möchte, wo die eigene Belastung gerade steht, kann den ProQOL-5 nutzen: proqol.org  ·  Methode als zweiseitiges PDF herunterladen

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Was ist los bei Jugendlichen?

Ein neuer Trend macht gerade Runde unter der Gen Z, das Chinamaxxing. Junge Menschen im Westen übernehmen bewusst chinesische Alltagsgewohnheiten, zum Beispiel Tee-Rituale, traditionelle Medizin oder ein kollektiveres Denken über Arbeit und Freizeit. Es ist eine Absage an die Hustle Culture und den Druck zur ständigen Selbstoptimierung. Wer Jugendliche in der Beratung oder Gruppe hat, die sich von Leistungsansprüchen überfordert fühlen, kann darin vielleicht Inspiration für ein Gegenmodell finden.

Forbes, 11.03.2026

Happy Fakt

Austin O'Dwyer kaufte über Facebook Marketplace ein Gebrauchtauto von einem Piloten, der den Wagen seiner Mutter verkaufte. Der Preis war fair, das Auto lief einwandfrei, alles glatt abgewickelt. Tage später fand Austin im Handschuhfach einen Umschlag mit einem handgeschriebenen Brief und 100 Dollar. Der Verkäufer wünschte ihm viel Freude mit dem Auto und legte eine Kleinigkeit für Sprit oder neue Reifen dazu.

Motor1, März 2026

Zum Schluss

Nimm dir einen Moment um zu entschleunigen. Wir sind unser eigenes Werkzeug. Diese Studien haben gezeigt, dass es nicht selbstverständlich ist, Care-Arbeit zu leisten.

Nächste Woche geht es um die psychische Gesundheit bei Jugendlichen, was sie gerade mit sich tragen und wie Fachkräfte frühe Zeichen erkennen können.

Bis nächste Woche,
Mario