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FachPuls KW 11 · 2026 Social Media und Jugendliche 10. März 2026

Guten Morgen 🌻,

diese Woche schaue ich mir an, welche unterschiedlichen Effekte Social-Media-Algorithmen auf Mädchen und Jungen haben - oft ohne, dass sie die Mechanismen dahinter kennen. Dazu gibt es die aktuelle Verbotsdebatte auf dem Prüfstand und eine Methode, die sich sofort in der Kleingruppe einsetzen lässt.

Mädchen unter Druck: Was Schönheitsideale auf Social Media mit dem Selbstwert machen

ZHAW & Swisscom (2025) · JAMESfocus · n=1.100 Schweizer Jugendliche (12-19 Jahre)

Soziale Medien beeinflussen, wie Mädchen ihren Körper wahrnehmen. Das geschieht vor allem durch den täglichen Konsum von Inhalten, nicht durch eigene Posts. Die JAMESfocus-Studie der ZHAW und Swisscom (2025, n=1.100, Schweizer Jugendliche 12-19 Jahre) zeigte, dass nur 4 Prozent der Jugendlichen Social Media zur Selbstdarstellung nutzen. 57 Prozent scrollen zur Unterhaltung. Was dabei passiert, wird durch Algorithmen gesteuert.

Plattformen spielen Mädchen überproportional körperbezogene Inhalte in den Feed, die Schönheits- und Schlankheitsideale transportieren. Wer solche Inhalte wiederholt konsumiert, beginnt sie als Normalzustand zu verstehen. Mädchen, die das Schlankheitsideal stark verinnerlicht haben, weisen einen deutlich niedrigeren Selbstwert auf als gleichaltrige Mädchen mit geringerer Internalisierung. Dieser Zusammenhang ist bei Mädchen besonders stark ausgeprägt, weil sie sich häufiger in sogenannten Aufwärtsvergleichen messen, also den eigenen Körper an unerreichbaren Vorbildern spiegeln.

Studien zeigen zusätzlich: Mädchen mit bereits negativem Körpergefühl bekommen dreimal häufiger Inhalte zu Essstörungen ausgespielt als andere. Der Algorithmus verstärkt also systematisch das, was ohnehin belastet.

Der Selbstwert steigt mit zunehmendem Alter kontinuierlich an, was darauf hindeutet, dass Mädchen im Laufe ihrer Entwicklung zunehmend Distanz zu diesen Botschaften aufbauen.

Was bedeutet das für die Praxis?

Was zeigt dir der Feed, und warum gerade das? Es lohnt sich, gemeinsam den Algorithmus sichtbar zu machen, etwa durch Feed-Analysen oder kurze Selbstbeobachtungsaufgaben. Dadurch helfen wir den Jugendlichen, kritisch mit den Inhalten umzugehen. Der altersbedingte Anstieg des Selbstwerts zeigt, dass diese Distanz lernbar ist.

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Quelle: JAMESfocus 2025 (PDF, ZHAW)

Was der Algorithmus mit Jungs macht

Robb et al. (2025) · Common Sense Media · n=1.017 Jungen (11-17 Jahre, USA)

Eine national repräsentative Befragung von Common Sense Media unter 1.017 Jungen zwischen 11 und 17 Jahren zeigt, dass 73 Prozent regelmäßig mit Maskulinitäts-Content auf Social Media in Kontakt kommen. Darunter sind Inhalte über körperliche Stärke, Dominanz und emotionale Härte, aber auch explizit frauenfeindliche Botschaften. 68 Prozent berichten, dass diese Inhalte ohne eigenes Zutun in ihrem Feed auftauchten. Der Algorithmus verstärkt schrittweise, was einmal angeklickt wurde.

Jungen mit hoher Exposition glauben fast viermal häufiger, dass das Teilen von Sorgen sie schwach aussehen lässt (40 vs. 11 Prozent) und verstecken ihre Verletzlichkeit deutlich öfter vor Freunden. Darüber hinaus zeigen hoch exponierte Jungen häufiger Zustimmung zu Aussagen wie "Männer sollten keine Emotionen zeigen" und bewerten Frauen in sozialen Situationen tendenziell als weniger kompetent.

Bei 14- bis 17-Jährigen ist der Effekt stärker ausgeprägt als bei Jüngeren, was auf eine Verstärkung in der Pubertät hindeutet, wenn Fragen nach Identität und Zugehörigkeit besonders wichtig werden. Jungen, die offline enge Bezugspersonen haben, sind deutlich widerstandsfähiger gegenüber diesen Botschaften. Jungen mit hoher Exposition berichten häufiger von Einsamkeit und dem Gefühl, nicht dazuzugehören, obwohl sie nach außen eine betont unabhängige Haltung zeigen.

Was bedeutet das für die Praxis?

Im Einzelgespräch oder in Jugendgruppen lohnt es sich, über Männlichkeit zu reden. Dann lässt sich die Frage einfacher stellen, welche der angezeigten Botschaften über Männlichkeit die Jungen selbst gewählt hätten und welche ihnen untergeschoben wurden. Jungs brauchen vertrauensvolle Vorbilder, an denen sie sich orientieren können.

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Quelle: Boys in the Digital Wild (PDF, Common Sense Media)

Verbote, Altersgrenzen, Medienbildung: Was wirklich hilft

Australien, Deutschland, Frankreich

Australien hat Ende 2025 als erstes Land ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige eingeführt, und seitdem diskutiert auch Deutschland über gesetzliche Altersgrenzen. Sowohl die SPD als auch die CDU haben im Februar 2026 konkrete Vorschläge vorgelegt, eine Expertenkommission soll bis Sommer Empfehlungen liefern.

In Australien dürfen Kinder und Jugendliche unter 16 seit Dezember 2025 keine eigenen Konten auf Plattformen wie Instagram, TikTok oder Snapchat besitzen. Die ersten Erfahrungen zeigen Grenzen des Ansatzes. Ein australischer Lehrer berichtet, dass sich die Nutzungsgewohnheiten seiner Schülerinnen und Schüler kaum verändert haben. Jugendliche umgehen das Verbot mit falschen Altersangaben, Ausweisen älterer Geschwister oder VPNs. In Deutschland fordert die SPD ein vollständiges Verbot unter 14 Jahren und eine verpflichtende Jugendversion der Plattformen bis 16, die CDU hat auf ihrem Parteitag ein Mindestalter von 14 beschlossen. Frankreich hat ein Verbot unter 15 auf den Weg gebracht und auch das Europäische Parlament hat sich für ein EU-weites Mindestalter ausgesprochen.

Laut einem Diskussionspapier der Leopoldina ist die bisherige Studienlage vor allem korrelativer Natur, kausale Belege für Schäden durch Social Media fehlen noch weitgehend. Gleichzeitig zeigt eine Studie der Vodafone Stiftung, dass 56 Prozent der befragten Jugendlichen Social Media gerne weniger nutzen würden, es aber nicht schaffen. Viele Fachleute und auch Jugendliche selbst plädieren deshalb weniger für reine Verbote als für bessere Medienbildung und begleitete Nutzung.

Was bedeutet das für die Praxis?

Unabhängig davon, was politisch kommt, lohnt es sich, mit Kindern und Jugendlichen offen über ihre Social-Media-Erfahrungen zu sprechen und dabei auch negative Gefühle wie Stress oder Vergleichsdruck zu thematisieren. Feste medienfreie Zeiten und Räume in der Einrichtung bieten vielleicht eine Möglichkeit für Jugendliche, wieder zu Brettspielen oder Karten zu greifen.

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Quelle: News4Teachers: Social-Media-Verbot in Deutschland

Best of Instagram: Selbstdarstellung in der Kleingruppe reflektieren

Best of Instagram ist eine medienpädagogische Methode des JFF (Projekt ACT ON!), die sich besonders gut für kleine Gruppen von 2 bis 6 Jugendlichen ab 12 Jahren eignet. Gemeinsam werden Instagram-Accounts angeschaut, analysiert und verglichen. Was zeigen Menschen von sich, was lassen sie weg? Welches Bild entsteht dadurch nach außen?

So geht's

Jede/r Teilnehmende sucht in Einzelarbeit auf dem eigenen Instagram-Account das persönliche Lieblingsbild heraus und überlegt sich, warum genau dieses Bild das beste ist.

Anschließend finden sich die Jugendlichen in Kleingruppen mit maximal 6 Personen zusammen. Dort stellt jede/r das eigene Lieblingsbild vor und erklärt die Wahl.

Die Kleingruppen erhalten dann Beispiele öffentlicher Instagram-Accounts. Gemeinsam sehen sie sich diese an und diskutieren, ob und warum sie die Bilder als angemessen für soziale Netzwerke einschätzen.

Auf Basis ihrer Beobachtungen halten die Gruppen ihre Ergebnisse schriftlich fest und entwickeln einen Kriterienkatalog für angemessene Profilbilder in sozialen Netzwerken.

Methode mit Anleitung: Best of Instagram (PDF, JFF ACT ON!)
Arbeitsblatt: Reflexionsbogen Social Media (PDF)

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Was ist los bei Jugendlichen?

Laut einer aktuellen DAK-Studie von Februar 2026 gelten rund 350.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland als suchtkrank durch Social Media. Das sind 6,6 Prozent der 10- bis 17-Jährigen, weitere 21,5 Prozent nutzen soziale Medien in riskantem Ausmaß. Zusammengenommen zeigt gut jeder vierte Minderjährige ein problematisches Nutzungsverhalten, die Zahlen sind seit 2024 stabil.

ZDF heute: DAK-Studie Social Media

Happy Fakt

Die Ozonschicht über der Antarktis erholt sich schneller als Wissenschaftler erwartet hatten. Neue Messdaten aus 2025 zeigen, dass das internationale Verbot von FCKW-Gasen durch das Montrealer Protokoll nach fast 40 Jahren deutlich Wirkung zeigt. Aktuelle Prognosen gehen davon aus, dass die Ozonschicht bis 2066 vollständig wiederhergestellt sein könnte.

UNEP: Ozonschicht erholt sich

Zum Schluss

Algorithmen reagieren auf Verhalten, und Verhalten lässt sich reflektieren. Wer Jugendlichen beibringt, diesen Mechanismus zu erkennen, gibt ihnen mehr als jedes Verbot.

Nächste Woche schauen wir uns sekundäre Traumatisierung und Compassion Fatigue unter Fachkräften an.

Bis nächste Woche,
Mario